Move@ÖV – Intelligentes Dienstleistungssystem „Elektromobilität“


Mobilitätsdienstleistungen im öffentlichen Verkehr individualisieren, effektiv flexibilisieren und effizient integrieren

 

Move@ÖV LogoAttraktiver öffentlicher Verkehr durch neue Mobilitätsdienstleistungen

Die Bedeutung des öffentlichen Verkehrs ist enorm: Menschen richten die Wahl ihres Wohnorts an der Qualität des öffentlichen Verkehrs aus, der Tagesablauf vieler Menschen (z. B. von Berufspendlern) wird maßgeblich vom öffentlichen Verkehrsangebot bestimmt, der öffentliche Verkehr bietet auch sozial benachteiligten Menschen die Möglichkeit einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Zudem weist der öffentliche Verkehr im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr zahlreiche Chancen auf: Mobilitätsbedürfnisse werden klimaschonend und energieeffizient befriedigt, der öffentliche Raum wird entlastet, Kunden können die Reisezeit zur Entspannung oder zum Arbeiten nutzen.

2015-12-10_Konzept_Move@ÖV

Abbildung 1: Das Konzept von Move@ÖV (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Dennoch müssen sich Unternehmen des öffentlichen Verkehrs in den nächsten Jahren zentralen Herausforderungen stellen. Die Entvölkerung ländlicher Räume, die kontinuierliche Verringerung der Schülerzahlen sowie der Zwang zur stetigen Verbesserung der Wirtschaftlichkeit sind nur drei ausgewählte Beispiele. Ferner lassen sich die Ansprüche der Kunden nach Flexibilität und zeitlicher Unabhängigkeit durch gewachsene Verkehrsstrukturen und Bedienungsformen, wie starre Liniennetze und getaktete Verkehrsfrequenzen, kaum erfüllen. Insbesondere in Flächenländern mit einer vergleichsweise geringen Anzahl an Großstädten, wie Sachsen-Anhalt, Thüringen und Rheinland-Pfalz, nutzen mehr als 50% der Bevölkerung Bus und Bahn (fast) nie.

Ziel von Move@ÖV ist es, durch die Entwicklung neuer Mobilitätsdienstleistungen die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs insbesondere im ländlichen Raum zu steigern. Mit dem Projekt soll ein Paradigmenwechsel angestoßen werden: nicht das einzelne Verkehrsmittel soll im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen, sondern die individuelle Verbindungsqualität. Zudem ist es Ziel, die Ressourceneffizienz des öffentlichen Verkehrs durch die Integration von elektrisch oder teilelektrisch angetriebenen Fahrzeugen zu verbessern.

Das konkrete Untersuchungsgebiet, in dem die entwickelten Methoden und Dienstleistungen pilothaft getestet werden, erstreckt sich entlang zweier Bahn-Bus Landeslinien im Land Sachsen-Anhalt. Regionen im ländlichen Raum, die vom Schienenverkehr abgeschnitten sind, sind durch die Bahn-Bus Landeslinien weiterhin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Die beiden Bahn-Bus Landeslinien 720 (Magdeburg – Möckern – Loburg) und 900 (Stendal – Tangermünde – Schönhausen – Havelberg – Glöwen) fahren unabhängig von Schul- oder Ferientagen mindestens alle zwei Stunden in einem leicht merkbaren Takt, von frühmorgens bis spätabends. Auch am Wochenende verkehren die Buslinien im Zweistundentakt. Wie in Abbildung 2 dargestellt, existieren viele Schnittstellen zwischen den Bahn-Bus Landeslinien und dem Schienenverkehr, so dass günstige Umsteigeverbindungen für die Fahrgäste bestehen.

Liniennetz Regionalverkehr

Abbildung 2: Liniennetz Regionalverkehr Sachsen-Anhalt (zum Vergrößern auf Bild klicken oder über den Link in voller Größe herunterladen)

Wie häufig im straßengebundenen Personennahverkehr im ländlichen Raum bildet der Schülerverkehr das Rückgrat des ÖPNV. Auch bei den beiden Bahn-Bus-Landeslinien 720 und 900 ist die Auslastung der eingesetzten Verkehrsmittel starken Schwankungen unterlegen. Während die Busse zu Beginn und Ende eines Schultags einen hohen Besetzungsgrad aufweisen, ist die Inanspruchnahme der Mobilitätsangebote in den Nebenzeiten eher zurückhaltend. Weitere Potenziale bietet die Zugänglichkeit zu den Landesbuslinien. Zur Anbindung umliegender Orte werden sowohl Linienverkehre als auch bedarfsorientierte Angebotsformen (z. B. Anrufbusse) eingesetzt. Die Annahme dieser Angebote, insbesondere durch weit von der Linie entfernt wohnende Kunden, bietet Steigerungspotenzial.

Ein ähnliches Bild zeichnet eine im Rahmen von Move@ÖV durchgeführte statistische Sekundäranalyse der Studien „Mobilität in Deutschland“, „Deutsches Mobilitätspanel“ und „ Mobilität in Städten“. Eine wesentliche Erkenntnis daraus ist, dass das Potenzial an ÖPNV-Kunden noch nicht ausgeschöpft wird. Insbesondere im Bereich der ÖPNV-Stammkunden und -Gelegenheitskunden liegt der Anteil der Mobilitätsnutzer lediglich bei etwa 60% des bundesweiten Durchschnitts. Es besteht folglich für den ländlichen Raum im Allgemeinen und das Bundesland Sachsen-Anhalt im Speziellen Handlungsbedarf, dem mit Move@ÖV Rechnung getragen wird.

Die Basis für die Generierung neuer Mobilitätsdienstleistungen bilden zwei quantitative Untersuchungen sowie drei Fokusgruppen. Die erste Befragung ist an Verkehrsunternehmen (Fokus straßengebundener, öffentlicher Personennahverkehr) adressiert. Mit ihr soll ermittelt werden, inwieweit bereits Elektrofahrzeuge durch die Unternehmen eingesetzt werden, ob Kooperationen mit anderen Mobilitätsanbietern bestehen (z. B. Car-Sharing, Bike-Sharing, Mitfahrzentralen) und welche flexiblen Angebotsformen (z. B. Anrufbus, Anrufsammeltaxi) schon heute zur Anwendung kommen. Zudem wird untersucht, wie die Verkehrsunternehmen die eigene Effizienz und Effektivität einschätzen. Die zweite Befragung fokussiert auf (potenzielle) ÖPNV-Nutzer in Sachsen-Anhalt. Dabei wird u. a. das individuelle Mobilitätsverhalten ermittelt. Ferner erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, das bestehende ÖPNV-Angebot anhand verschiedener Kriterien wie z. B. Zugang und Erreichbarkeit, zu bewerten. Ebenfalls Bestandteil der Befragung sind Einschätzungen zu potenziellen Dienstleistungsmodulen (z. B. Mobilitätsdienstleistungen mit autonomen Fahrzeugen) und intermodalen Reiseketten.

Im Rahmen der Befragungskonzeption wurden neben einer intensiven Literaturanalyse zu den Themen öffentlicher Verkehr, Elektromobilität und Mobilitätsdienstleistungen und der schon angesprochenen statistischen Sekundäranalyse auch sieben Experteninterviews mit Vertretern von Verkehrsunternehmen, Aufgabenträgern und einem Verkehrsverbund durchgeführt. Die wesentlichen Erkenntnisse der Experteninterviews sind:

  • Der Großteil der Nutzer sind sog. Zwangskunden, also Kunden, die keinen Führerschein oder kein Auto besitzen und deswegen auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sind, primär ältere Personen und Schüler. Der öffentliche Verkehr wird daher vor allem für Wege zur Schule oder zu Mittel- und Oberzentren genutzt.
  • Typische Kundenwünsche, die an die Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger herangetragen werden, fokussieren insbesondere auf den Wunsch der individuelleren Fahrplanung, auch in Tagesrandlagen sowie der Reduzierung von Umstiegen. Auch die Barrierefreiheit von Haltestellen, Fahrzeugen und Informationssystemen sind häufig geäußerte Anliegen der Kunden.
  • Als Nutzungsbarrieren konnten insbesondere die Frequenz und Zeiträume der Bedienung, der Aufwand der Reisezeit, das Tarifsystem sowie die im Vergleich zum eigenen PKW empfundene verringerte Flexibilität identifiziert werden.
  • Klassische Ansätze zur Flexibilisierung, wie z. B. Bürgermobil, Rufbus und Linientaxi werden bereits eingesetzt und sollen zukünftig verstärkt Anwendung finden. Kooperationen mit Anbietern von Car- oder Bikesharing oder anderen alternativen Mobilitätsanbietern gibt es bei den befragten Unternehmen nicht. Als Gründe werden die mangelnde Verfügbarkeit entsprechender Angebote, die fehlende Wirtschaftlichkeit solcher Kooperationen und Befürchtungen hinsichtlich Kannibalisierungs- bzw. Verdrängungseffekten genannt.
  • Die Befragten stehen der Elektromobilität grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, sehen jedoch in der erforderlichen Ladeinfrastruktur, der Werkstattverfügbarkeit und der Wirtschaftlichkeit zahlreiche Hemmnisse, die gegen einen Einsatz von Elektrofahrzeugen im öffentlichen Verkehr sprechen.
  • Das Verständnis der Befragten hinsichtlich Effizienz und Effektivität ist sehr heterogen. Die Zielgrößen besitzen kaum Relevanz für die tägliche Arbeit. Kennzahlen zur Operationalisierung der Zielgrößen werden entweder nicht oder auf Basis individueller Initiativen erfasst. Die Bewertung und Diskussion der Ergebnisse erfolgt wenn überhaupt lediglich sporadisch.

Die Konzeption der quantitativen Befragungen ist abgeschlossen. Während die Befragung der Verkehrsunternehmen voraussichtlich im Januar 2016 startet, ist die Befragung der (potenziellen) Nutzer bereits unter dem Link ww2.unipark.de/uc/moveatov erreichbar. Wir freuen uns über weitere Teilnehmer aus der gesamten Bundesrepublik. Mit den Ergebnissen der Befragungen wird im Frühjahr 2016 gerechnet.

 

Kontakt

E-Mail: sebastian.schmermbeck@nasa.de, Web: www.move-at-oev.de