Mobil, immobil, elektromobil? – Bewegung tut not!


Verbundprojekt REMONETDie neue Bewegung in der Mobilitätsfrage, welche durch die bundesweite Diskussion um Elektromobilität Einzug gehalten hat, droht zu einer Immobilitätsdiskussion zu werden. Alles bewegt sich und doch scheint vieles still zu stehen, wenn man einmal die realen Auswirkungen dieser Diskussion betrachtet. Sind wir ein Land auf dem Weg in eine andere Mobilitätskultur? Antwort: nein – sind wir ein Land auf dem Weg in die Elektromobilität? Antwort: nein.

Jetzt werden viele sagen, ja warum diskutieren wir das Thema überhaupt? Wir tun dies, weil Deutschland viele gute Ansätze in dieser Hinsicht hat, allerdings bleiben diese oft in den „Mühen der Ebenen“ hängen. Eine Millionen Elektroautos in Deutschland bis 2020 auf die Straßen zu stellen ist eine löbliche Absicht, doch die Praxiserfahrungen sprechen dagegen – warum? Weil wir eine ganz und gar „automobile“ Gesellschaft sind. Ja, gerade deswegen müsste es doch besonders gut klappen, könnte man meinen – nein, deshalb klappt es gerade nicht so ohne weiteres. Und hier stellen sich die Fragen in den vielen Projekten landauf, landab, welche zur Verbreitung der Elektromobilität beitragen wollen, teilweise auf ganz banale Art und Weise.

In unserer praktischen Arbeit machen wir jeden Tag diese und ähnliche Erfahrungen in der automobilen Gesellschaft. Was ist der Grund für solche Paradoxien? Ein Grund ist die absolute automobile Orientierung hinsichtlich unserer Mobilität. Alles steht und fällt mit dem Auto. Wir benutzen für jeden Weg überwiegend das private Auto – allerdings steht dies trotzdem 95% seiner Lebenszeit parkend im Weg. Die Städte sind vollgestopft mit Autos, sich bewegenden und vor allen Dingen stehenden Automobilen. Dies ist die Krux an der Sache – „…wir missen ille imdinken…“, wenn sich was ändern soll. Aber wir müssen zuerst „umhandeln“, das heißt unsere Mobilität in der Praxis anders organisieren. Doch wer tut dies, wenn die Städte es weiterhin zulassen, dass wir beispielsweise bis in jeden hintersten Winkel der Altstadt fahren können, dort Auto abstellen dürfen. Wenn die Innenstädte immer neue Angebote an Parkhäusern machen und diese eine sehr lukrative Einnahmequelle für die Städte sind. Wenn der öffentliche Nahverkehr mit Bussen und Bahnen nur noch vorwiegend die lukrativen Linien bedient. Was machen die Landbewohner, wenn sie abends in die Stadt wollen? Die Stadtväter und Stadtmütter in den Räten und die Stadtverwaltungen sind hier in einer sogenannten „Pfadabhängigkeit“ gefangen – ein einmal eingeschlagener Weg kann aufgrund der dadurch geschaffenen Fakten und Folgewirkungen nicht mehr ohne weiteres verlassen werden.

© Petair / Fotolia.com

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Das Auto bedingt das Auto, bedingt Straßen, bedingt Parkraum, bedingt Autos. Elektromobilität ist eine große Chance unsere Mobilität grundlegend zu überdenken und Schritte weg vom Pfad der automobilen Abhängigkeit zu machen – erste Gehversuche gibt es – die gilt es zu stärken. Es sollte vorangeschritten werden in der Entwicklung multimodaler Verkehrskonzepte in Städten und für sogenannte fragmentierte Agglomerationsgebiete (Städte und ihr Umland). Die Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs ist zusammen zu denken mit der Entwicklung von eBike-Sharing Modellen und eCarsharingflotten um eine zukunftsfähige Mobilität zu ermöglichen.

In der Stadt Siegen geschieht dies gerade. Zwar in kleinen Schritten aber dennoch, es bewegt sich was – „slow moves“, aber Bewegung ist im System. Hier erkennt man langsam, dass die Einführung von Elektromobilität nicht einfach heißt: Austausch von Verbrennermobilen gegen Elektromobile, sondern dass sie vielmehr heißt, eine andere Mobilitätsform langfristig zu etablieren. Es gibt eine neue städtische Initiative den Radverkehr stärker als akzeptable Verkehrsform zu integrieren – insbesondere in der Form des eBikes. Elektrofahrräder sind Elektromobile und können zugleich ein Einstieg zum eCar und eCarsharing sein. In Kopplung mit einem neuen Nahverkehrskonzept, welches eBikesharing und eCarsharing integriert, kann eine neue Art der Mobilität entstehen. Begleitet wird dies von einer Veränderung der Präferenzsetzung in der Stadt- und Verkehrsentwicklung – vom automobilen Bürger zum mobilen Bürger.

 

Kontakt

Jürgen Daub, juergen.daub@uni-siegen.de